Dienstag, 28. Juli 2015

Jetzt werden schon die Kleinsten ruhig gestellt

In der Schweiz müssen bis zu 80 Kleinkinder Ritalin schlucken – dabei ist das ruhigstellende Medikament für sie gar nicht zugelassen.





Wenn ein Junge oder ein Mädchen im Chindsgi oder in der Schule zappelt, nicht aufpasst und die Lehrer zur Weissglut treibt, ist der Verdacht oft schnell geäussert: Das Kind leidet wohl an einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS (siehe Box). Und sehr schnell ist in solchen Fällen das Gegenmittel Nr. 1. zur Hand: Ritalin. Ein umstrittenes Medikament, das Kinder ruhigstellt.

Letztes Jahr warnte die US-Gesundheitsbehörde, dass in den USA bereits 10'000 Zwei- und Dreijährige wegen ADHS das Psychopharmakon schlucken. Dabei ist es für Kinder unter sechs Jahren gar nicht zugelassen – die Neben- und Langzeitwirkungen für diese Altersgruppe sind kaum erforscht.

Doch auch in der Schweiz werden schon Kleinkinder damit ruhiggestellt. Genaue Zahlen sind schwer zu eruieren. Klare Fakten gibt es dennoch:

Zwischen 2001 und 2014 bezahlte die IV pro Jahr bis zu 36 Kindern im Alter von null bis vier Jahren medizinische Behandlungen aufgrund von frühkindlichem ADHS. 28 Mal seit 2001 wurde ADHS bei Ein- und Zweijährigen diagnostiziert. Selbst sieben Babys tauchen in der IV-Statistik auf. Es seien «sehr schwierige, seltene Fälle», sagt Harald Sohns (51) vom Bundesamt für Sozialversicherungen. Die IV-Statistik erfasst die genauen medizinischen Massnahmen zwar nicht; dass Ritalin dazugehört, liegt aber auf der Hand. «In der Deutschschweiz werden eher Gesprächstherapien und Medikamente angewendet», sagt Sohns. «In der Romandie eher langjährige Psychoanalysen.»

Noch deutlicher wird eine Studie des Bundesamts für Gesundheit (BAG). 2012 wurden die Ritalin-Zahlen dreier grosser Krankenkassen ausgewertet, die zusammen etwa 22 Prozent der Versicherten der Schweiz abdecken. Ergebnis: Zwischen 2005 und 2008 schluckten 36 Jungen und Mädchen im Alter von null bis fünf Jahren Ritalin. Auf die Schweiz hochgerechnet ergibt dies rund 80 Klein- und Chindsgi-Kinder im Jahr, die damit ruhiggestellt warden.

Der Kinderpsychiater und Buchautor Helmut Bonney (68) aus Liestal bestätigt: «Ich sehe in meiner Praxis regelmässig Kleinkinder, denen Produkte mit Methylphenidat verabreicht werden.» Das sei besorgniserregend. Die Gehirnentwicklung bei so jungen Menschen werde dadurch beeinträchtigt, die Diagnose erfolge oft schnell.
«Ich kenne mehrere Kinderärzte in Bern, die innert einer halben Stunde ADHS feststellen und Ritalin verschreiben», sagt Kindheitssoziologe Pascal Rudin (35), der Familien mit ADHS-Kindern unterstützt. «Funktioniert das Kind noch immer nicht, genügt ein Anruf – und die Dosis wird erhöht.» Auch Rudin kennt Dreijährige, die das Medikament nehmen müssen. Ein Kita-Gruppen-Leiter aus der Region Bern, der ungenannt bleiben möchte, betreute eine Gruppe von ADHS-Kindern zwischen drei und fünf Jahren. Die sieben Knirpse waren allesamt aus Kitas und Kindergärten geflogen, obwohl sie Ritalin verabreicht bekamen.



Die ganze Familie leidet

Der Leidensdruck der Betroffenen ist gross. Kaum eine Familie will darüber reden. Zu gross die Scham, das vermeintliche Versagen, die Überforderung.
Oft versagen auch die Spezialisten und die Behörden. Wie im Fall von Jan*. Zwei Monate nach Schulbeginn 2008 forderte die junge Klassenlehrerin die Eltern auf, Jan Ritalin zu geben. Sonst fliege er wohl bald von der Schule.

Die Eltern geben nach. «Zu Beginn besserte sich sein Verhalten», erzählt die Mutter (46). Doch nach kurzer Zeit ist alles beim Alten. Jan ist wieder jähzornig, aggressiv und hyperaktiv. Die Ärzte erhöhen die Dosis. «Jan wurde regelrecht mit Ritalin abgefüllt.» Trotzdem fliegt er von der Schule, muss in eine Schule für verhaltensauffällige Kinder. Neben Ritalin bekommt er zusätzliche Psychopharmaka. Medikamente und Psychiater wechseln ständig, doch alles versagt. Der Schulpsychologische Dienst will Jan in ein Heim stecken. Gegen den Willen der Eltern muss Jan gehen. «Er wurde uns einfach weggenommen», klagt die Mutter.

«Es passiert häufig, dass Lehrer Eltern unter Druck setzen, ihrem Kind Ritalin zu geben», sagt Kindheitssoziologe Pascal Rudin. Wer in der Schule auffällt, laut ist, oder ein Hans-guck-in-die-Luft, passt nicht ins System.

Das weiss auch Konrad Kals (62) aus Heiligkreuz SG, Primar- und Sekundarlehrer. «Viele Lehrer sind überfordert mit verhaltens-auffälligen Schülern.» Er unterrichtet seit 40 Jahren – und hat Eltern noch nie geraten, ihrem Kind Ritalin zu geben. «Es ist Aufgabe eines Lehrers, auch mit schwierigen Kindern umgehen zu können.»

Ruth Oechsli (64), Psychotherapeutin und Schulleiterin der Schule für offenes Lernen in Liestal, kritisiert: «Kinderärzte verschreiben heute viel zu einfach Ritalin. Das ist ein gravierendes Problem.» Beobachtungen in ihrer Schule zeigen: «Manchmal mussten 30 Prozent der Neuzugänger in unserer Schule Ritalin oder ähnliche Medikamente nehmen.»
Vielen gilt Ritalin offenbar als Allheilmittel: Der Konsum des Medikaments ist zwischen 1999 und 2013 um 800 Prozent gestiegen. Die Kosten der IV aufgrund frühkindlichen ADHS′ sind innerhalb von zehn Jahren um 51 Prozent gestiegen, von 37 auf 56 Millionen Franken im Jahr 2011.

Die Behörden und der Bundesrat orten bis heute keinen Handlungsbedarf. Rund drei bis fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen sind von ADHS betroffen – so zumindest steht es in einem Expertenbericht des BAG vom November 2014. Die Hälfte davon wird mit Methylphenidat behandelt. Zahlen, die von Kritikern bezweifelt werden. «Früher wurde ADHS sicher zu selten diagnostiziert. Heute muss man aufpassen, dass es nicht zu oft passiert», warnt Jörg Leeners (54), Chefarzt vom Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst Schwyz. Das Problem: «ADHS zu erkennen ist sehr schwierig.»

Eine seriöse Abklärung dauere mindestens zehn Stunden. «Ein Kind, das alle Symptome für ADHS zeigt, muss noch lange nicht ADHS haben.» Auslöser für Probleme könne etwa auch Unreife sein, eine Depression oder eine bipolare Störung. Wolfgang Tschacher (58), Professor an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bern, ortet «monetäre Interessen» als Erklärung für die explosionsartige Zunahme von ADHS, «immerhin ist ADHS ein Milliardengeschäft für die Pharmaindustrie». 2013 machte allein Novartis mit Ritalin weltweit einen Umsatz von 594 Millionen Dollar. 2011 untersuchte Tschacher in einer Studie 200 Erwachsene auf ADHS. Sein Ergebnis: «ADHS ist keine klare Krankheit, sondern eher ein Persönlichkeitszug, unter dem die Betroffenen und ihre Umwelt leiden.»

Ob ADHS tatsächlich eine Krankheit ist, bezweifeln immer mehr Experten. Bereits 2009 distanzierte sich der «Erfinder» von ADHS, Leon Eisenberg (1922–2009), von seiner Jugendsünde. Kurz vor seinem Tod erzählte der US-Psychiater dem «Spiegel»: «ADHS ist ein Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung». Und der US-Kinderarzt und Neurologe Richard Saul, kam in seinem kürzlich erschienenen Bestseller «Die ADHS-Lüge» zu dem Fazit: «ADHS gibt es nicht. Was es gibt, sind die Symptome, doch die gehören zu anderen Krankheiten.»

Betroffenen hilft der Expertenstreit freilich wenig. Jan beispielsweise erlebte in dem Heim eine schlimme Zeit. Die Kinder mobbten ihn, nur alle zwei Wochen konnte er seine Eltern sehen. Nach einem Jahr erlaubten die Behörden, ihn zurückzuholen. Ein neuer Psychiater, der vierte mittlerweile, begann eine Einzel- und Familientherapie. Das Ritalin setzte er ab. Der Spezialist erweist sich als Glücksfall. Heute, anderthalb Jahre später, ist Jan nicht wiederzuerkennen – und Ritalin ist kein Thema mehr.

Mittwoch, 11. März 2015

Verwöhnte Teenies kriegen keine Lehrstelle



Kritikunfähig, zart besaitet, zu wenig ehrgeizig: Viele Junge müssen ihre Lehre abbrechen, weil sie zu verwöhnt sind, sagt Psychologe Henri Guttmann.

Kinderpsychologe Henri Guttmann: «Eltern unternehmen alles, um ihr Kind vor Frustrationen zu verschonen. Aber damit vermitteln sie ihren Kindern ein falsches Weltbild. Im Leben gibt es nämlich immer Situationen, in denen man enttäuscht wird.»


Herr Guttmann, die neuste World Vision Kampagne macht auf dekadente Wünsche von Kindern in der Schweiz aufmerksam. Welche Erfahrungen mit verwöhnten Kindern und Jugendlichen machen Sie? 
 
Eltern kaufen ihren Kindern Dinge, um sie ruhigzustellen. Viele Kinder aber werden nicht nur materiell verwöhnt, sondern auch sozial. Das heisst, die Eltern unternehmen alles, um ihr Kind vor Frustrationen zu verschonen. Aber damit vermitteln sie ihren Kindern ein falsches Weltbild. Im Leben gibt es nämlich immer Situationen, in denen man enttäuscht wird.


Können Sie ein konkretes Beispiel schildern?

Eine Mutter geht mit ihrem Kind zum Arzt, weil es hochansteckende Flugwarzen hat, die der Arzt rausschneiden muss. Die Mutter fragt ihr «Schätzeli», wie viele Warzen der Doktor denn nun rausschneiden dürfe. Der Arzt entgegnet, dass es da gar nichts zu diskutieren gebe, die müssten alle weg. Die Mutter entgegnet, dass ihr Kind das am besten wisse. Das Gleiche passiert auch, wenn das Kind geimpft werden muss. Eltern überlassen ihren Kindern Entscheidungen, die sie selber treffen müssten. Das ist auch bequemer. Oder da gibt es den Fall eines Vaters, der mit seinem Sohn zum Zahnarzt muss. Dieser fordert den Kleinen auf, seinen Mund zu öffnen. Der Vater interveniert, der Zahnarzt habe seinem Sohn nichts zu befehlen. Da gab es noch diesen Buben, der am Morgen verschlafen hat und den Bus verpasst hat. Anstatt den Fehler bei sich zu suchen, beschimpfte er den Busfahrer als Idioten.
 

Zu was für Menschen wachsen Kinder heran, die von ihren Eltern zu sehr verwöhnt werden?

Sie ziehen Kinder heran, die nicht lebenstüchtig sind. Ich bin überzeugt: Verwöhnung ist eine Form von Kindsmisshandlung. Verlassen die Kinder ihr Zuhause, merken sie, dass sich die Welt nicht nur um sie dreht. Es wird ihnen nicht mehr alles auf dem Silbertablett serviert. Im Gegenteil. Das Kind empfindet die Welt als feindselig.


Was bedeutet das für den Eintritt ins Berufsleben?

Jugendliche sind dem Arbeitsalltag nicht mehr gewachsen. Die Lehrmeister merken: Viele kann man im Arbeitsmarkt schlicht und einfach nicht mehr gebrauchen! Jede an ihnen geäusserte Kritik ist eine Art Majestätsbeleidigung.


Haben Sie ein Beispiel?

Da war ein Junge, der hat während der Kochlehre dem Fisch den Kopf abgehauen anstatt ihn zu filetieren. Als ihn sein Lehrmeister angewiesen hat, vorwärtszumachen, erwiderte er: «Sie haben mir nichts zu befehlen! Ich weiss, wie das geht.» Ich erinnere mich auch an einen Lehrling, der im Spital gearbeitet hat. Als er die Nachttische hätte putzen sollen, verweigerte er die Arbeit. Er sagte, er selber habe ja nichts dreckig gemacht. Er hat die Lehre schliesslich abgebrochen. Viele Junge können sich nicht mehr unterordnen. Andere Jugendliche sind vom Dauergamen so durch, dass sie sich nicht mehr am Arbeitsplatz eingliedern können. Dann gibt es noch die Kiffer. Die kann man auch kaum gebrauchen. Für sie ist alles ein Riesenstress, den sie kaum aushalten können.


Was passiert mit diesen Jugendlichen?

Viele hängen noch ein 10. Schuljahr an. Jugendliche, die im öffentlichen Arbeitsmarkt keine Chance haben, müssen über die IV beruflich wiedereingegliedert werden. Dabei sind das eigentlich junge Menschen, die physisch und psychisch völlig gesund sind. Auch ich betreue solche Leute. Sehr gute Erfahrungen mache ich aber damit, dass gefährdete Jugendliche schon während der 2. Sek einen Tag in der Woche arbeiten gehen können. Diese langsame Annäherung an die Realität zahlt sich aus.


Wie können Eltern verhindern, dass ihre Kinder zu solchen Problemfällen werden?

Sie müssen dringend lernen, ihre Dienstleistungen abzubauen. Einer Mutter von 14-jährigen Zwillingen habe ich geraten, ihre Kinder nicht länger zu wecken, da sie nun alt genug seien. Meiner Tochter habe ich mit 14 gesagt, dass sie ihre Wäsche nun selber waschen könne. Eltern können den Fahrdienst für ihre Kinder einstellen und sie dazu auffordern, mit dem Velo ins Fussballtraining zu gehen.


Also dem Kind mehr Vertrauen schenken …

Ja. Hier in der Schweiz sind die Familien viel zu kinderfokussiert. Wichtige Entscheidungen werden von den Kindern getroffen, nicht von den Eltern. Sogar welches Auto gekauft werden soll. Beim Elternpaar dreht sich alles nur ums Kind. Dabei sollte die Paar- vor der Elternbeziehung stehen. Jedes Elternpaar sollte einmal pro Jahr für eine Woche allein in die Ferien. Dann schätzen die Kinder auch wieder Mamis Kochkünste anstatt dass sie nur Forderungen stellen. Kinder haben hierzulande einfach zu viel Macht. Dabei sollten Eltern ihren Kindern klarmachen: «Ich bin gross und du bist klein.» Die Eltern entscheiden und müssen endlich ihre Verantwortung übernehmen. Und sie müssen lernen, nein zu sagen. Aber sie getrauen sich einfach nicht.


Das klingt ja eigentlich nicht so schwierig …

Im Alltag gibt es drei verschiedene Nein: Das spontane Nein, das verhandelbare Nein und das kategorische Nein. Das letzte ist nicht verhandelbar. Kinder aber gehen davon aus, dass jedes Nein verhandelbar ist. Hier muss man eine klare Haltung einnehmen. Das Schlimmste ist, wenn aus einem klaren Nein ein Jein und dann ein Ja wird. Dann hat man sich pädagogisch die Hosenbeine abgesägt und seine Glaubwürdigkeit verspielt.
 

*Henri Guttmann ist Kinder- und Jugendpsychologe sowie Paartherapeut mit Praxis in Winterthur.