Dienstag, 28. Juli 2015

Jetzt werden schon die Kleinsten ruhig gestellt

In der Schweiz müssen bis zu 80 Kleinkinder Ritalin schlucken – dabei ist das ruhigstellende Medikament für sie gar nicht zugelassen.





Wenn ein Junge oder ein Mädchen im Chindsgi oder in der Schule zappelt, nicht aufpasst und die Lehrer zur Weissglut treibt, ist der Verdacht oft schnell geäussert: Das Kind leidet wohl an einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS (siehe Box). Und sehr schnell ist in solchen Fällen das Gegenmittel Nr. 1. zur Hand: Ritalin. Ein umstrittenes Medikament, das Kinder ruhigstellt.

Letztes Jahr warnte die US-Gesundheitsbehörde, dass in den USA bereits 10'000 Zwei- und Dreijährige wegen ADHS das Psychopharmakon schlucken. Dabei ist es für Kinder unter sechs Jahren gar nicht zugelassen – die Neben- und Langzeitwirkungen für diese Altersgruppe sind kaum erforscht.

Doch auch in der Schweiz werden schon Kleinkinder damit ruhiggestellt. Genaue Zahlen sind schwer zu eruieren. Klare Fakten gibt es dennoch:

Zwischen 2001 und 2014 bezahlte die IV pro Jahr bis zu 36 Kindern im Alter von null bis vier Jahren medizinische Behandlungen aufgrund von frühkindlichem ADHS. 28 Mal seit 2001 wurde ADHS bei Ein- und Zweijährigen diagnostiziert. Selbst sieben Babys tauchen in der IV-Statistik auf. Es seien «sehr schwierige, seltene Fälle», sagt Harald Sohns (51) vom Bundesamt für Sozialversicherungen. Die IV-Statistik erfasst die genauen medizinischen Massnahmen zwar nicht; dass Ritalin dazugehört, liegt aber auf der Hand. «In der Deutschschweiz werden eher Gesprächstherapien und Medikamente angewendet», sagt Sohns. «In der Romandie eher langjährige Psychoanalysen.»

Noch deutlicher wird eine Studie des Bundesamts für Gesundheit (BAG). 2012 wurden die Ritalin-Zahlen dreier grosser Krankenkassen ausgewertet, die zusammen etwa 22 Prozent der Versicherten der Schweiz abdecken. Ergebnis: Zwischen 2005 und 2008 schluckten 36 Jungen und Mädchen im Alter von null bis fünf Jahren Ritalin. Auf die Schweiz hochgerechnet ergibt dies rund 80 Klein- und Chindsgi-Kinder im Jahr, die damit ruhiggestellt warden.

Der Kinderpsychiater und Buchautor Helmut Bonney (68) aus Liestal bestätigt: «Ich sehe in meiner Praxis regelmässig Kleinkinder, denen Produkte mit Methylphenidat verabreicht werden.» Das sei besorgniserregend. Die Gehirnentwicklung bei so jungen Menschen werde dadurch beeinträchtigt, die Diagnose erfolge oft schnell.
«Ich kenne mehrere Kinderärzte in Bern, die innert einer halben Stunde ADHS feststellen und Ritalin verschreiben», sagt Kindheitssoziologe Pascal Rudin (35), der Familien mit ADHS-Kindern unterstützt. «Funktioniert das Kind noch immer nicht, genügt ein Anruf – und die Dosis wird erhöht.» Auch Rudin kennt Dreijährige, die das Medikament nehmen müssen. Ein Kita-Gruppen-Leiter aus der Region Bern, der ungenannt bleiben möchte, betreute eine Gruppe von ADHS-Kindern zwischen drei und fünf Jahren. Die sieben Knirpse waren allesamt aus Kitas und Kindergärten geflogen, obwohl sie Ritalin verabreicht bekamen.



Die ganze Familie leidet

Der Leidensdruck der Betroffenen ist gross. Kaum eine Familie will darüber reden. Zu gross die Scham, das vermeintliche Versagen, die Überforderung.
Oft versagen auch die Spezialisten und die Behörden. Wie im Fall von Jan*. Zwei Monate nach Schulbeginn 2008 forderte die junge Klassenlehrerin die Eltern auf, Jan Ritalin zu geben. Sonst fliege er wohl bald von der Schule.

Die Eltern geben nach. «Zu Beginn besserte sich sein Verhalten», erzählt die Mutter (46). Doch nach kurzer Zeit ist alles beim Alten. Jan ist wieder jähzornig, aggressiv und hyperaktiv. Die Ärzte erhöhen die Dosis. «Jan wurde regelrecht mit Ritalin abgefüllt.» Trotzdem fliegt er von der Schule, muss in eine Schule für verhaltensauffällige Kinder. Neben Ritalin bekommt er zusätzliche Psychopharmaka. Medikamente und Psychiater wechseln ständig, doch alles versagt. Der Schulpsychologische Dienst will Jan in ein Heim stecken. Gegen den Willen der Eltern muss Jan gehen. «Er wurde uns einfach weggenommen», klagt die Mutter.

«Es passiert häufig, dass Lehrer Eltern unter Druck setzen, ihrem Kind Ritalin zu geben», sagt Kindheitssoziologe Pascal Rudin. Wer in der Schule auffällt, laut ist, oder ein Hans-guck-in-die-Luft, passt nicht ins System.

Das weiss auch Konrad Kals (62) aus Heiligkreuz SG, Primar- und Sekundarlehrer. «Viele Lehrer sind überfordert mit verhaltens-auffälligen Schülern.» Er unterrichtet seit 40 Jahren – und hat Eltern noch nie geraten, ihrem Kind Ritalin zu geben. «Es ist Aufgabe eines Lehrers, auch mit schwierigen Kindern umgehen zu können.»

Ruth Oechsli (64), Psychotherapeutin und Schulleiterin der Schule für offenes Lernen in Liestal, kritisiert: «Kinderärzte verschreiben heute viel zu einfach Ritalin. Das ist ein gravierendes Problem.» Beobachtungen in ihrer Schule zeigen: «Manchmal mussten 30 Prozent der Neuzugänger in unserer Schule Ritalin oder ähnliche Medikamente nehmen.»
Vielen gilt Ritalin offenbar als Allheilmittel: Der Konsum des Medikaments ist zwischen 1999 und 2013 um 800 Prozent gestiegen. Die Kosten der IV aufgrund frühkindlichen ADHS′ sind innerhalb von zehn Jahren um 51 Prozent gestiegen, von 37 auf 56 Millionen Franken im Jahr 2011.

Die Behörden und der Bundesrat orten bis heute keinen Handlungsbedarf. Rund drei bis fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen sind von ADHS betroffen – so zumindest steht es in einem Expertenbericht des BAG vom November 2014. Die Hälfte davon wird mit Methylphenidat behandelt. Zahlen, die von Kritikern bezweifelt werden. «Früher wurde ADHS sicher zu selten diagnostiziert. Heute muss man aufpassen, dass es nicht zu oft passiert», warnt Jörg Leeners (54), Chefarzt vom Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst Schwyz. Das Problem: «ADHS zu erkennen ist sehr schwierig.»

Eine seriöse Abklärung dauere mindestens zehn Stunden. «Ein Kind, das alle Symptome für ADHS zeigt, muss noch lange nicht ADHS haben.» Auslöser für Probleme könne etwa auch Unreife sein, eine Depression oder eine bipolare Störung. Wolfgang Tschacher (58), Professor an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bern, ortet «monetäre Interessen» als Erklärung für die explosionsartige Zunahme von ADHS, «immerhin ist ADHS ein Milliardengeschäft für die Pharmaindustrie». 2013 machte allein Novartis mit Ritalin weltweit einen Umsatz von 594 Millionen Dollar. 2011 untersuchte Tschacher in einer Studie 200 Erwachsene auf ADHS. Sein Ergebnis: «ADHS ist keine klare Krankheit, sondern eher ein Persönlichkeitszug, unter dem die Betroffenen und ihre Umwelt leiden.»

Ob ADHS tatsächlich eine Krankheit ist, bezweifeln immer mehr Experten. Bereits 2009 distanzierte sich der «Erfinder» von ADHS, Leon Eisenberg (1922–2009), von seiner Jugendsünde. Kurz vor seinem Tod erzählte der US-Psychiater dem «Spiegel»: «ADHS ist ein Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung». Und der US-Kinderarzt und Neurologe Richard Saul, kam in seinem kürzlich erschienenen Bestseller «Die ADHS-Lüge» zu dem Fazit: «ADHS gibt es nicht. Was es gibt, sind die Symptome, doch die gehören zu anderen Krankheiten.»

Betroffenen hilft der Expertenstreit freilich wenig. Jan beispielsweise erlebte in dem Heim eine schlimme Zeit. Die Kinder mobbten ihn, nur alle zwei Wochen konnte er seine Eltern sehen. Nach einem Jahr erlaubten die Behörden, ihn zurückzuholen. Ein neuer Psychiater, der vierte mittlerweile, begann eine Einzel- und Familientherapie. Das Ritalin setzte er ab. Der Spezialist erweist sich als Glücksfall. Heute, anderthalb Jahre später, ist Jan nicht wiederzuerkennen – und Ritalin ist kein Thema mehr.

Mittwoch, 11. März 2015

Verwöhnte Teenies kriegen keine Lehrstelle



Kritikunfähig, zart besaitet, zu wenig ehrgeizig: Viele Junge müssen ihre Lehre abbrechen, weil sie zu verwöhnt sind, sagt Psychologe Henri Guttmann.

Kinderpsychologe Henri Guttmann: «Eltern unternehmen alles, um ihr Kind vor Frustrationen zu verschonen. Aber damit vermitteln sie ihren Kindern ein falsches Weltbild. Im Leben gibt es nämlich immer Situationen, in denen man enttäuscht wird.»


Herr Guttmann, die neuste World Vision Kampagne macht auf dekadente Wünsche von Kindern in der Schweiz aufmerksam. Welche Erfahrungen mit verwöhnten Kindern und Jugendlichen machen Sie? 
 
Eltern kaufen ihren Kindern Dinge, um sie ruhigzustellen. Viele Kinder aber werden nicht nur materiell verwöhnt, sondern auch sozial. Das heisst, die Eltern unternehmen alles, um ihr Kind vor Frustrationen zu verschonen. Aber damit vermitteln sie ihren Kindern ein falsches Weltbild. Im Leben gibt es nämlich immer Situationen, in denen man enttäuscht wird.


Können Sie ein konkretes Beispiel schildern?

Eine Mutter geht mit ihrem Kind zum Arzt, weil es hochansteckende Flugwarzen hat, die der Arzt rausschneiden muss. Die Mutter fragt ihr «Schätzeli», wie viele Warzen der Doktor denn nun rausschneiden dürfe. Der Arzt entgegnet, dass es da gar nichts zu diskutieren gebe, die müssten alle weg. Die Mutter entgegnet, dass ihr Kind das am besten wisse. Das Gleiche passiert auch, wenn das Kind geimpft werden muss. Eltern überlassen ihren Kindern Entscheidungen, die sie selber treffen müssten. Das ist auch bequemer. Oder da gibt es den Fall eines Vaters, der mit seinem Sohn zum Zahnarzt muss. Dieser fordert den Kleinen auf, seinen Mund zu öffnen. Der Vater interveniert, der Zahnarzt habe seinem Sohn nichts zu befehlen. Da gab es noch diesen Buben, der am Morgen verschlafen hat und den Bus verpasst hat. Anstatt den Fehler bei sich zu suchen, beschimpfte er den Busfahrer als Idioten.
 

Zu was für Menschen wachsen Kinder heran, die von ihren Eltern zu sehr verwöhnt werden?

Sie ziehen Kinder heran, die nicht lebenstüchtig sind. Ich bin überzeugt: Verwöhnung ist eine Form von Kindsmisshandlung. Verlassen die Kinder ihr Zuhause, merken sie, dass sich die Welt nicht nur um sie dreht. Es wird ihnen nicht mehr alles auf dem Silbertablett serviert. Im Gegenteil. Das Kind empfindet die Welt als feindselig.


Was bedeutet das für den Eintritt ins Berufsleben?

Jugendliche sind dem Arbeitsalltag nicht mehr gewachsen. Die Lehrmeister merken: Viele kann man im Arbeitsmarkt schlicht und einfach nicht mehr gebrauchen! Jede an ihnen geäusserte Kritik ist eine Art Majestätsbeleidigung.


Haben Sie ein Beispiel?

Da war ein Junge, der hat während der Kochlehre dem Fisch den Kopf abgehauen anstatt ihn zu filetieren. Als ihn sein Lehrmeister angewiesen hat, vorwärtszumachen, erwiderte er: «Sie haben mir nichts zu befehlen! Ich weiss, wie das geht.» Ich erinnere mich auch an einen Lehrling, der im Spital gearbeitet hat. Als er die Nachttische hätte putzen sollen, verweigerte er die Arbeit. Er sagte, er selber habe ja nichts dreckig gemacht. Er hat die Lehre schliesslich abgebrochen. Viele Junge können sich nicht mehr unterordnen. Andere Jugendliche sind vom Dauergamen so durch, dass sie sich nicht mehr am Arbeitsplatz eingliedern können. Dann gibt es noch die Kiffer. Die kann man auch kaum gebrauchen. Für sie ist alles ein Riesenstress, den sie kaum aushalten können.


Was passiert mit diesen Jugendlichen?

Viele hängen noch ein 10. Schuljahr an. Jugendliche, die im öffentlichen Arbeitsmarkt keine Chance haben, müssen über die IV beruflich wiedereingegliedert werden. Dabei sind das eigentlich junge Menschen, die physisch und psychisch völlig gesund sind. Auch ich betreue solche Leute. Sehr gute Erfahrungen mache ich aber damit, dass gefährdete Jugendliche schon während der 2. Sek einen Tag in der Woche arbeiten gehen können. Diese langsame Annäherung an die Realität zahlt sich aus.


Wie können Eltern verhindern, dass ihre Kinder zu solchen Problemfällen werden?

Sie müssen dringend lernen, ihre Dienstleistungen abzubauen. Einer Mutter von 14-jährigen Zwillingen habe ich geraten, ihre Kinder nicht länger zu wecken, da sie nun alt genug seien. Meiner Tochter habe ich mit 14 gesagt, dass sie ihre Wäsche nun selber waschen könne. Eltern können den Fahrdienst für ihre Kinder einstellen und sie dazu auffordern, mit dem Velo ins Fussballtraining zu gehen.


Also dem Kind mehr Vertrauen schenken …

Ja. Hier in der Schweiz sind die Familien viel zu kinderfokussiert. Wichtige Entscheidungen werden von den Kindern getroffen, nicht von den Eltern. Sogar welches Auto gekauft werden soll. Beim Elternpaar dreht sich alles nur ums Kind. Dabei sollte die Paar- vor der Elternbeziehung stehen. Jedes Elternpaar sollte einmal pro Jahr für eine Woche allein in die Ferien. Dann schätzen die Kinder auch wieder Mamis Kochkünste anstatt dass sie nur Forderungen stellen. Kinder haben hierzulande einfach zu viel Macht. Dabei sollten Eltern ihren Kindern klarmachen: «Ich bin gross und du bist klein.» Die Eltern entscheiden und müssen endlich ihre Verantwortung übernehmen. Und sie müssen lernen, nein zu sagen. Aber sie getrauen sich einfach nicht.


Das klingt ja eigentlich nicht so schwierig …

Im Alltag gibt es drei verschiedene Nein: Das spontane Nein, das verhandelbare Nein und das kategorische Nein. Das letzte ist nicht verhandelbar. Kinder aber gehen davon aus, dass jedes Nein verhandelbar ist. Hier muss man eine klare Haltung einnehmen. Das Schlimmste ist, wenn aus einem klaren Nein ein Jein und dann ein Ja wird. Dann hat man sich pädagogisch die Hosenbeine abgesägt und seine Glaubwürdigkeit verspielt.
 

*Henri Guttmann ist Kinder- und Jugendpsychologe sowie Paartherapeut mit Praxis in Winterthur.

Donnerstag, 15. Mai 2014

Schüler müssen mehr bieten als gute Noten

Gute Noten allein reichen für Zuger Sekundarschüler nicht mehr für den Übertritt in eine Mittelschule. Ausschlaggebend ist das gesamte Verhalten der Jugendlichen.


Wer darf an eine Mittelschule? Erstmals wurde dies in Zug nicht nur anhand von Noten entschieden. Zusätzlich wurden auch die Lern-, Selbst- und Sozialkompetenzen und die mutmassliche Entwicklung der Schüler bewertet, wie es auch am Ende der Primarschule gemacht wird. Erst nach diesen neuen Abklärungen fällten die Lehrer die Entscheide, wohin ein Sekundarschüler nach dem Sommer zu Schule geht. Bildungsdirektor Stephan Schleiss auf die Frage, ob den Jugendlichen von heute nicht zuviel abverlangt wird: «Beim Übertritt müssen die Jugendlichen wissen, was sie wollen.» Er sei sich aber bewusst, dass die jungen Leute in der heutigen Zeit mehr und früher Entscheide für die Zukunft fällen müssten.

Ein Anliegen der Eltern

Mit dem neuen Übetrittsverfahren verfolge man folgendes Ziel: «Wir wollen den Weg in die Mittelschulen stärken. Mit dem neuen Übertrittsverfahren können wir garantieren, dass jedes Kind der zweiten oder dritten Sekundarklasse im Hinblick auf einen möglichen Eintritt in eine Mittelschule nochmals umfassend beurteilt wird», sagt Bildungsdirektor Stephan Schleiss. Damit könne man ein wichtiges Anliegen der Eltern erfüllen.
82 Schüler werden nach den Sommerferien ins Kurzzeitgymnasium wechseln, 31 in die Fachmittelschule und 33 in die Wirtschaftsmittelschule. Dies entspricht ungefähr den Zahlen des Vorjahres. Eltern und Schüler, die mit dem Zuweisungsentscheid nicht einverstanden waren, konnten den Entscheid im Rahmen eines Abklärungstests überprüfen. Von 21 Jugendlichen, die diesen Test machten, wurde ein Kandidat für die gewünschte Mittelschule zugelassen.

Dienstag, 29. April 2014

Kinder allein im Wald – das war einmal

Früher war das ganze Quartier ein Spielplatz, heute wagen sich die Kinder kaum mehr vors Haus. Ihr Bewegungsradius nimmt seit 40 Jahren stetig ab.
Die Kinder leiden heute an der Indoor-Krankheit. Wo werden unsere Kinder in zwanzig oder dreissig Jahren spielen? Auf Hochhausterrassen weil natürliche Lebensräume weder für Mensch noch Tiere mehr vorhanden sein werden.

Kinder möchten Umgebung mitgestalten

Dass Kinder heute viel seltener ohne Aufsicht unterwegs sind als in den 60er-Jahren, erklärt sich so: “In den 60er-Jahren lagen Wohn- und Gewerbegebiete nah beieinander, und der Verkehr war beschränkt.” Seit den 60er Jahren ist die funktionale Trennung in Wohn- und Arbeitsgebiete und der Autoverkehr im Alltag bestimmend. Soziologen sprechen von einer
Funktionalisierung und Verinselung der Lebensbereiche. Den Aktionsradius kleinerer Kinder wird vom Verkehr enorm eingeschränkt.

Alltagsräume verbinden

Die Erwachsenen fungieren in der heutigen Lebenswelt als Helikopter-Eltern, die “ihre Kinder von Insel zu Insel begleiten, oft auch mit dem Auto fahren”. Kinder lernten so aber nicht mehr, Gefahren selbst abzuschätzen und die Konsequenzen des eigenen Verhaltens zu erfahren – zum Beispiel beim Klettern auf einen Baum. Anstatt für die Kinder einzelne Inseln vorzusehen, sollten Stadtplaner stärker darauf abzielen, die Alltagsräume der Kinder miteinander zu verbinden. Wohn-, Schul-, Betreuungs- und Freizeiträume sollten in ein möglichst zusammenhängendes Netz an durch Kinder sicheren und eigenständig begehbaren Wegen eingebettet sein. Wichtig ist, dass die Räume zu “Handlungen oder Spielhandlungen anregen, aber nicht vorbestimmen” und sich auch als Treffpunkte eignen.
Grosse Städte verfügen heute zwar über eine hohe Vielfalt an Kinderspielplätzen, die oft sogar zusammen mit Kindern entwickelt werden. Generell wird aber bei der Stadtplanung zu wenig berücksichtigt, < Spielgerät.
Wenn heute ein sieben- oder achtjähriges Kind allein einen Kilometer in die Schule läuft finden das Eltern bereits als ein zu grosses Risiko. Viele Eltern finden es heute normal, dass sie ihre Kinder bis in die Mittelstufe auf den Spielplatz begleiten, sie in den Sportunterricht bringen und sie bei Kollegen abholen. Unbeaufsichtigt dürfen Kinder einzig im eingezäunten Garten spielen, und noch viel lieber drinnen, nicht selten vor dem Computer oder Fernseher. Vor 40 Jahren wären die Reaktionen anderer Eltern ausgeblieben.
Der gesellschaftliche Wandel über zwei drei Generationen ist offensichtlich. Doch das kulturell verankerte Überbehüten der heutigen Generation hat Folgen. Forscher sprechen von der IndoorKrankheit und vom Natur-Defizit-Syndrom. Kinder, die darunter leiden, seien psychisch beeinträchtigt, heisst es, sprich gestresster, weniger ausgeglichen.
Geprägt hat diesen Begriff in erster Linie der amerikanische Journalist Richard Louv mit seinem Bestseller “Last Child in the Woods”. Kinder wollten nämlich nur eins, sagt er: an wilden, ungeordneten Plätzen spielen, wo sie sich frei von jedem elterlichen Einfluss bewegen können.

Frei und Unbeaufsichtigt

“Meine Kindheit war paradiesisch”, sagen Kinder aus den 60er. Wir waren immer eine Schar von Kindern, die jüngsten kaum älter als drei. Wir spielten Fussball, Verstecken oder Räuber und Polis. Von Erwachsenen, die uns beaufsichtigten, keine Spur. Diese waren zwar zu Hause beschäftigt. Sie vertraute uns. Selbst dass wir auf die Kleinsten aufpassten.
Spielplätze gab es weniger oder keine und doch waren wir alle zufrieden.
Statistiken belegen, dass der Aktionsradius von Kindern innerhalb einer Generation um nahezu 90 Prozent abgenommen hat. Gingen in den 70er-Jahren noch acht von zehn 7-Jährigen allein zur Schule, ist es heute nicht einmal mehr einer von zehn. Zwei von drei 10-Jährigen waren noch nie allein in einem Laden einkaufen oder unbeaufsichtigt im Park spielen. Und gemäss einer Umfrage trauen vier von zehn Eltern ihren Kindern erst mit 14 zu, sich allein in der Stadt oder in einer grossen Gemeinde sich frei zu bewegen.
Durch die Einschränkung des Bewegungsradius kennen die Kinder ihre Umgebung weniger als Gleichaltrige von früher. Sie wissen kaum, was man draussen spielen könnte, erkennen Elstern nicht mehr oder den Unterschied zwischen Wespen und Bienen. Sie kennen weder Pflanzen noch Bäume. Gleichzeitig entgeht ihnen das Übungsfeld, das Leben kennen zu lernen und die Risiken in der Natur einzuschätzen – eine Fähigkeit, die ihnen später als Eltern fehlen wird. Heute müssen mehr Kinder medizinisch behandelt werden, weil sie aus dem Bett fallen und nicht von Bäumen.
Als grösstes Risiko gilt in den Augen der Eltern heute der Verkehr. Dem widersprechen die Zahlen der Unfallstatistik. 25 Kinder verunfallten 2013 im Kanton Zürich, im Jahr zuvor waren es noch 35 gewesen. Dafür mögen strengere Kontrollen und höhere Sicherheitsstandards verantwortlich sein, aber auch die Tatsache, dass Kinder gar nicht mehr auf den Strassen spielen.
Angst haben die Eltern aber auch vor Fremden, die ihren Kindern etwas antun könnten. Das einzige Verbot welches die Kinder früherer Generationen kannten war: Steige nie zu Fremden ins Auto. Das gilt auch heute noch, nur das die Gefahren die im Dunkeln der Strassen lauern – nicht nur in den Städten – stets grösser werden. (Tagi-E.M.)

Quelle: Politspiegel Schweiz

Donnerstag, 27. März 2014

Ausbildung für alle: ein Muss


Überlegungen zur beruflichen Erstausbildung
Zu den wichtigen Entscheidungen im Leben gehört die Berufswahl. Heute sind Jugendliche mehr denn je mit drei grundsätzlichen Fragen konfrontiert: Welche Berufsrichtung passt zu mir? Welche Ausbildung eröffnet mir einen vertrauenswürdigen Weg in die Zukunft? In welchem Berufsfeld finde ich eine Lehrstelle? Durch diese Fragen werden nicht nur die Jugendlichen herausgefordert und manchmal auch überfordert. Ebenso erfahren Eltern und Angehörige, Lehrkräfte, Ausbildungsbetriebe und Berufsberater den Druck, der auf den Jugendlichen lastet. Auch Wirtschaft und Politik müssen in der Ausbildungsfrage Farbe bekennen. Von ihren Entscheidungen hängt es ab, mit welcher Realität Jugendliche bei der Berufswahl und in der Ausbildung konfrontiert werden. Es wird heute immer deutlicher: Wer über keine Ausbildung verfügt, hat kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Ohne Ausbildung keine Aussichten
Personen ohne abgeschlossene Ausbildung sind überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit, Aussteuerung und Löhnen unter dem Existenzminimum betroffen. Diese Entwicklung wird in den nächsten Jahren noch verstärkt, da es immer weniger gute Stellen für unausgebildete und wenig qualifizierte Personen geben wird.


Zwei unterschiedliche Ausbildungswege 
Für Jugendliche stehen grundsätzlich zwei Ausbildungswege offen: der allgemein bildende Weg über das Gymnasium und der berufsbezogene Weg über die duale Lehre (Ausbildung in Schule und Betrieb). Rund zwei Drittel der Jugendlichen wählen den zweiten Weg. Damit hat die Schweiz europaweit den höchsten Anteil an Jugendlichen, die sich über eine Berufslehre auf das Erwerbsleben vorbereiten. Allerdings bestehen grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Kantonen.

Wirtschaftliche Faktoren beeinflussen den Lehrstellenmarkt
Im dualen System sind es die Betriebe, welche die Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen und die Lehrverträge abschliessen. Sie entscheiden darüber, ob, wie viele und welche Jugendliche eine Lehrstelle erhalten. Die Anstellung erfolgt dabei weitgehend nach betriebswirtschaftlichen Überlegungen. Die zentrale Frage lautet häufig: «Rentiert ein Lehrling?» statt «Befähigt die Ausbildung zum Erwerbsleben?» Der Lehrstellenmarkt reagiert damit mehr auf aktuelle wirtschaftliche Faktoren als auf die Zukunftsfragen der Jugendlichen. So wächst das Lehrstellenangebot bei positiver wirtschaftlicher Erwartung, nimmt aber ab, wenn die Aussichten getrübt sind. Ebenso können Ausbildungsreglemente das Lehrstellenangebot beeinflussen. Haben die Betriebe das Gefühl, ein Reglement verlange von ihnen ein zu grosses Engagement und mache eine Ausbildung unrentabel, so ziehen sie sich aus der Lehrlingsausbildung zurück. Branchenverbände halten teilweise an Ausbildungswegen mit wenig echten Zukunftsaussichten fest.

Familie: 
Unterstützung und Begleitung Gerade in der Phase des Übergangs von der Kindheit ins Erwachsenleben brauchen junge Menschen ein familiäres Beziehungsnetz, auf das sie sich wirklich verlassen können, das sie in ihren Entscheidungen kritisch unterstützt und in schwierigen Phasen solidarisch begleitet.
Die Frage stellt sich allerdings: wer unterstützt die Eltern bei ihrer schwierigen Aufgabe?

Auszubildende: 
Selbstverantwortung übernehmen Eine Ausbildung kann nur ihr Ziel erreichen, wenn ein junger Mensch letztlich bereit ist, sich zu engagieren. Er braucht den Willen, Schritt für Schritt Selbstverantwortung zu übernehmen.

Das Wohl aller im Auge behalten 
Das Gemeinwohlprinzip hält dazu an, das Wohl der Andern bzw. aller im Auge zu behalten. Die Erfüllung dieses Prinzips ist anspruchsvoll, da unter den Menschen Unterschiede bestehen was Begabungen, Fähigkeiten und Ausgangssituationen betrifft. Nicht alle können alles gleich gut. Es gibt Stärkere und Schwächere, Begabte und weniger Begabte. Im Umgang mit den Unterschieden mahnt das Gemeinwohlprinzip dass nicht einige übermässige Vorteile auf Kosten anderer oder weniger erhalten, bzw. einige übermässig benachteiligt werden. Es stellt sich die Frage: Wie kann und soll im Bildungswesen mit den Unterschieden umgegangen werden?

Schulschwächere Jugendliche fördern statt separieren
Unser Schulsystem schiebt schulschwächere Jugendliche durch die Dreiteilung der Orientierungsstufe in das unterste Anspruchsniveau ab. Sowohl pädagogisch wie ökonomisch macht dies keinen Sinn. Oft ist es Ausdruck einer Diskriminierung, die den Menschenrechten und der Würde der Betroffenen widerspricht. Die Auszubildenden des untersten Anspruchsniveaus müssen näm lich die vorenthaltene Bildung nachholen, um überhaupt eine Chance auf dem Lehrstellenmarkt zu haben. Sinnvoller ist ein integratives Schulmodell, in dem Schulschwächere systematisch von Unterstützungsmassnahmen profitieren können. Gleichzeitig muss aber vermieden werden, dass damit das Niveau und die Lernziele reduziert werden.

Leistungsstarke Jugendliche für die duale Berufsbildung erhalten und gewinnen 
Die duale Bildung hat nur dann eine Zukunft, wenn auch leistungsstarke Jugendliche für die Lehre gewonnen werden können und diese nicht alle ins Gymnasium drängen.

Fazit: 
Ausbildung tut für alle not, um im heutigen Arbeitmarkt bestehen zu können. Aber sowohl der Wettbewerbsdruck auf die Betriebe, die erhöhten Erwartungen an die Jugendlichen wie auch die finanziellen Engpässe des Staates schmälern die Chancen der Jugendlichen auf eine Ausbildung. Für zu viele Jugendliche beginnt daher der Eintritt in die Berufswelt mit der Erfahrung, dass man sie nicht braucht.

Mittwoch, 19. März 2014

Macht Teamarbeit faul und unglücklich?

Im Team werden deutlich geringere Leistungen als bei Einzelarbeit erzielt, zeigen Experimente. Trotzdem ist Teamarbeit die Königsdisziplin der Soft-Skills. Zu Recht?


Jeder kennt die Situation: Man sitzt im Restaurant, möchte gerne bestellen und wird einfach nicht bedient – obwohl diverse Servicekräfte offenbar unbeschäftigt hinter dem Tresen stehen. In diesem Team fühlt sich offensichtlich niemand für den neuen Gast zuständig.

Teamarbeit macht faul und unglücklich, sagt Volker Kitz, freier Buchautor, gegenüber Spiegel online. Experimente hätten gezeigt, dass die Leistung von Probanden nachlasse, sobald man sich in Gesellschaft eines Teams glaube. Die Probanden mussten mit verbundenen Augen Seil ziehen. Einmal, so wurde ihnen gesagt, allein und ein zweites Mal in einer Gruppe. Das Ergebnis war markant: Glaubten die Probanden, im Team zu ziehen, war ihre Leistung viel schwächer. Damit wurde auch die frühere These ausgehebelt, dass schwächere Leistungen bei Teamarbeit vor allem ein Koordinations- und nicht ein Motivationsproblem seien.

Im Team muss man sich weniger anstrengen, könnte man daraus folgern. Glücklich macht dieses als «soziales Faulenzen» bekannte Phänomen aber laut Kitz ebenfalls nicht. In der Teamarbeit fehle die Wertschätzung der individuellen Arbeit. Und Lorbeeren für gute Leistung verteilten sich möglicherweise ungerecht auf alle Teammitglieder. Das zerstöre die Motivation und führe dazu, dass Teammitglieder sich schlechter auf eine Teamarbeit vorbereiten als auf eine individuelle Aufgabe.

Team = Toll, ein anderer machts
Deshalb rät Kitz: Wer sich als Arbeitnehmer selber vor der «sozialen Faulheit» schützen möchte, soll sich eigene Aufgaben innerhalb der Teamarbeit suchen – und darauf bestehen, dass diese auch separat bewertet werden.
Wenn in einem Team alle das Gleiche machen, leidet die Einzelleistung. Diese Einschätzung teilt auch Bruno Staffelbach, Professor für Human Resource Management an der Universität Zürich. Teamarbeit funktioniere dann nach dem Motto «Team: Toll, ein anderer machts!» Das trifft fürs Seilziehen ebenso zu wie zum Beispiel fürs Rudern im Achterboot oder für eine Putz-Brigade im Hausdienst.
Nische für Trittbrettfahrer
Trotz dieser ernüchternden Erkenntnis müsse man die Teamarbeit aber nicht gleich verteufeln. Sie könne durchaus gewinnbringend sein. Wichtig sei, dass sich die Aufgaben und Qualifikationen der Teammitglieder unterscheiden. Staffelbach erklärt: «Vergleichen Sie es mit der Boxenmannschaft bei der Formel 1.» Wenn in einem Team jeder Spezialist und für einen Teilbereich alleine verantwortlich sei, könne die soziale Kontrolle durch das Team sogar leistungsfördernd wirken.
Auch Theo Wehner, Professor für Arbeitspsychologie an der ETH Zürich, möchte die Teamarbeit nicht als leistungshemmend abtun: «Natürlich bietet die Teamarbeit Nischen für Trittbrettfahrer. Es ist aber ein Mythos, dass sich diese Leute in Einzelarbeit markant mehr anstrengen würden.» Er räumt aber ein: Die Teamarbeit bewegt sich in einem Spannungsfeld von einer völlig individualisierten Gesellschaft und einer Arbeitwelt, die vorwiegend auf Kooperation setzt. Hier müssen Arbeitsgeber bei Teamaufträgen die Balance finden.
Unternehmen setzen auf Teamarbeit
Bei den meisten Unternehmen ist man vom Nutzen der Teamarbeit nach wie vor überzeugt. Bei der Post hiess es auf Anfrage: «Wir setzen auf Teamarbeit. Zum Beispiel beim Wissenstransfer zwischen Mitarbeitern ist gute Teamarbeit unabdingbar.» Und auch die Migros kann die Kritik an der Teamarbeit nicht aus eigener Erfahrung bestätigen und ergänzt: «Natürlich muss ein Team gut geführt werden und jeder Mitarbeiter bekommt eigene Aufgaben.»