Generation Maybe hat sich im Entweder- Oder verrannt
Die heutigen 20 bis 30 Jährigen wurden meiner Meinung nach eine Generation ohne Eigenschaften. Gut ausgebildet, aber ohne Plan, ohne Mut, ohne Biss. Weil alles möglich ist, sind alle heillos überfordert. Wir haben Ihnen sämtliche Steine aus dem Weg geräumt und wollten für sie nur das Beste und haben dafür ihnen die eigene Kreativität und Kindheit geraubt. Das die heutige Jugend schlechter sei, ist völliger Unsinn. Die heutige Jugend wiederspiegelt nur unsere Gesellschaft.
Sie sind mediale Zeugen von "9/11", Irak- und Afghanistan-Krieg und sind durch den Anblick hilfloser Eisbären auf treibenden Schollen für die globale Erderwärmung sensibilisiert. Wir kennen Smartphones, Megapixel, Nanosekunden und Terabytes. Es sind der Möglichkeiten zu viele, so scheint es. Haben sie vergessen, wie man Entscheidungen trifft? Haben sie und wir es in unserer Unentschlossenheit bequem gemacht? Ja, in der Tat, das haben wir und nun suchen wir die Schuld bei den anderen, in dem wir alle Verantwortung und Erziehung unserer Kids von uns weisen.
Eine Zeit ohne Vorbilder, die überfordert
Die Überforderung wird zu groß. Heute heisst das Burn-out. Sie wandeln in einer Zeit ohne Vorbilder, ohne Ideale. Einer Zeit, in der Selbstverwirklichung nicht mehr so funktioniert, wie man sich das einmal erhofft hatte. Heute ist es nur noch die auf Leistung getrimmte Gesellschaft, mit der die jungen Menschen nicht mehr zurecht kommen. Eine Zeit, in der alles möglich ist, aber die Jugendlichen hilflos überfordert. Die Angst vor Veränderung lähmt sie einst wie jetzt.
Generation ohne Eigenschaften heißt aber nicht, dass diese Generation über keine Fähigkeiten verfügt. Genau das Gegenteil ist der Fall. Es handelt sich um hochgebildete, mit akademischen Graden ausgestattete junge Menschen, die mehrere Fremdsprachen sprechen.
Aber was wollen sie erreichen? Jede Generation vor uns wollte die Welt verändern. Was aber wollen sie? Die Nachkriegsgeneration baute das Land wieder auf und wollte einen demokratischen Rechtsstaat etablieren. Die 68er wollten freie Liebe und lehnten sich gegen die traditionelle und spiessige Elterngeneration auf. In den späten 70er- und frühen 80er-Jahren ging man aus pazifistischer Überzeugung auf die Straße, um den Nato-Doppelbeschluss zu verhindern oder gegen die Atomkraft zu demonstrieren.
Eine Generation ohne Eigenschaften?
Bei jeder weiteren Generation wird es schwieriger werden, ihr ein Etikett aufzukleben. Das kann von Vorteil sein, muss es aber nicht. Unsere Generation ist zerfasert, von einem übergroßen Individualgedanken ergriffen, der uns vereinzelt durch die Gegend irren lässt. Und doch ist das noch immer besser als jede Form von kollektivistischer Vergesellschaftung.
Doch was definiert sie außer diesem Individualitätszwang? Sind sie die "Generation Internet", die sich für Recht und Freiheit in der digitalen Welt einsetzen soll? Oder die Generation, die jeder Form von Parteiendemokratie misstraut? Die Generation, die nur auf Spaß und Erlebnis bedacht ist? Die Verantwortungsverweigerer, die, weil sie schon mit sich selbst nicht klarkommen, sich nicht auch noch um anderes kümmern können?
Wogegen lehnen sie sich auf? Gegen Traditionen, gegen Progressivität, gegen einen Werteverfall? Oder wollen sie alles zugleich? Den perfekten Körper und trotzdem Genussmensch bleiben. Eine eigene Familie, aber nur mit den Vorzügen der Freiheit des Single-Daseins. Ökologisches Bewusstsein, aber trotzdem einen fetten Stromverbrauch. Einen sicheren Job, aber keine 42-Stunden-Woche. Sind sie unsicher oder haben sie Angst. Sie treten auf der Stelle und werfen sich in eine selbst verschuldete Unmündigkeit. Nicht mehr so sehr der Wille zur Entfaltung ist größer, sondern der zur Festanstellung.
Tiefe Unsicherheit im Umgang mit Themen
Was früher der Inbegriff von Biederkeit war, gilt mittlerweile wieder als erstrebenswert. Bei Licht betrachtet kommt eine Generation zum Vorschein, die sich lieber für spießige Fernsehserien wie "Desperate Housewives" oder "How I Met Your Mother" interessiert als für eigene Ideen.
Statt an der eigenen Verwirklichung zu basteln, schnorrt man die Eltern um einen Zuschuss für die nächste USA-Reise an, um sich ja nicht den Unwägbarkeiten des Lebens stellen zu müssen. Man will nicht mehr erwachsen werden oder es zumindest so lange hinauszögern wie möglich.
Auf die Eigenschaftslosen trifft man überall. In der Politik und im Beruf. Mit Sachfragen konfrontiert, lautet die Standardantwort: Keine Ahnung. Das ist ehrlich, offenbart aber eine tiefe Unsicherheit im Umgang mit Themen unserer Zeit.
Modernes "Entweder oder!"
Eine Umfrage hat vor Kurzem ergeben, dass jeder Fünfte unter 30 Auschwitz nicht kennt. Man darf vermuten, dass es sich dabei nicht nur um Bildungsverlierer handelt. Aber nicht nur ein scharfes Bewusstsein, auch der Mut scheint auf der Strecke zu bleiben. Weder im Beruf (Irgendwas mit Medien) noch im Privaten (Irgendwann möchten wir auch Kinder haben) wollen wir uns festnageln lassen. Sie wollen nicht planen, sondern in den Tag hinein leben. Den Eigenschaftslosen fehlt der Kompass.
Sie schlafwandeln durch eine vernetzte Welt voller Möglichkeiten und fühlen sich verunsichert angesichts der Fülle von Optionen. Sie wollen Lebenskünstler sein und denken wie Beamte. Sie verwalten das Erbe unserer Eltern und Großeltern. Ein postmodernes "Entweder oder!" hat sie überrumpelt, und jetzt wissen sie nicht mehr weiter. Sie haben sich in eine Mentalität des Entweder-oder verrannt, die ihnen zum Verhängnis wurde. Sie wollen überall dabei sein und nichts verpassen. Ein Irrweg. Der Mut zur Entscheidung ist wieder gefragt. Auch wenn das manchmal unangenehm ist.
Die heutige Jugend ist überbehütet
Das unterscheidet heute von damals. Die objektiven Verhältnisse sind es jedenfalls nicht, die es so furchtbar schwer machten für die Jugend (jung ist man heute auch noch mit dreißig). Im Gegenteil: Händeringend wird um sie geworben, ein paar Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit und die Beherrschung der Sprache in Wort und Schrift vorausgesetzt. Es sind vielmehr die vorauseilend Verständigen, deren Schönstes zu sein scheint, sich über ständig überforderte und vom Burn-out bedrohte junge Menschen zu beugen und die harten Zeiten zu beklagen, als ob sie einmal bessere gekannt hätten.
Dem folgenlosen Verständnis der einen entspricht die Panik der anderen, der Tigermütter und Sportväter, die schon in der Krabbelstube die Weichen für künftige "Leistungsträger" stellen wollen. In beiden Fällen hat das Objekt der Fürsorge keine Chance, sich aus eigenem Antrieb den Herausforderungen des Lebens zu stellen und endlich Subjekt zu werden: Subjekt des eigenen Erfolgs und des eigenen Scheiterns.
Wenn nun die 30-Jährigen die Generationsschubladen öffnen, um zu schauen, wer hineinpasst, wäre es nur fair, wenn das auch die Älteren und Eltern täten. Sicher, da gibt es wie eh und je die Generation Aufstieg und Drill. Aber wenn es nach öffentlicher Präsenz geht, ist die "Generation Überbehütet" eindeutig in der Übermacht. Die Überbehütenden schützen ihren so selten gewordenen Nachwuchs vor allen Fährnissen des Lebens, halten den Sohn nicht für faul, sondern für hochbegabt und bezahlen tapfer Nachhilfe.
Etikettierung hin oder her: Die heutige Jugend muss nicht gegen das System kämpfen, sondern für die eigene Freiheit. Damit wäre meiner Meinung nach schon viel gewonnen.
Die Generation Praktikum ist ein Gerücht
Sie glauben fest an das Gerücht von der "Generation Praktikum", finanzieren der Tochter geduldig ein Exotenstudium und zur Not auch noch eins, geben Starthilfen für fantasievolle Projekte, hüten die Enkel und unterstützen ihren Nachwuchs finanziell selbst dann noch, wenn der längst über 40 ist. Auf den aber wartet spätestens beim Abgang der Eltern eine eher unangenehme Erkenntnis, das Leben nicht aus eigener Kraft gemeistert zu haben.
Wer sich weder Erfolg noch Misserfolg zurechnen kann, sucht die Schuld bei anderen, am besten bei denen da oben. Beim Kapitalismus, beim Markt, bei den Verhältnissen. Anleitung liefert der Zeitgeist, gedruckt oder gesendet. Wer hilft? Der Staat. Und so breitet sich der im System des Wohlfahrtsstaats angelegte Paternalismus unaufhaltsam aus, der seine Klientel hörig macht. Wie treibt man den Menschen ihre Lust an der eigenen Leistung aus? Meiner Meinung nach genau so, indem man sie davor schützt und indem man ihnen die Belohnung dafür verwehrt. Die Freude, mit der hierzulande über "Leistung" hergefallen wird, und der Eifer, mit dem man "den Reichen" nehmen will (reich ist man schon bei mäßigem Wohlstand), schreckt alle ab, die noch ein bisschen geliebt werden wollen. Dem Schluffi, der zur verstimmten Gitarre traurige Lieder singt, gelingt das im Handumdrehen. Auch wenn's nicht gerade sexy ist.
Leistung muss sich wieder lohnen
Sollte dieses Land, einst gerühmt für seine Ingenieurkunst, seinen Erfindergeist verlieren, so liegt das jedenfalls gewiss nicht an seiner Vergreisung, wie man uns gern erzählt. Sondern am kleinmütigen Umgang mit dem, was eine wirtschaftlich starke Nation ausmacht: mit der Leistungslust (vieler, nicht aller) seiner Bürger.
Die amerikanische Ökonomin Deirdre McCloskey argumentiert, dass der wachsende Wohlstand, der heute mehr und mehr Menschen erreicht hat, weniger dem Handel oder dem Kapitalismus oder der Ausbeutung geschuldet sei, sondern Ideen. Erst Ehre (im Sinne von Ruhm und Lob) habe des Bürgers Erfindungsgeist geweckt. Davon haben wir hierzulande zu wenig: zu wenig Ruhm und zu wenig Lob.
Das seien bloß äußerliche Anreize, hat der Protestantismus einst verkündet, das Streben des Menschen müsse aus seinem Inneren kommen und keine Belohnung erwarten. Seither hilft die beständig geforderte Wertediskussion, der Frage auszuweichen, ob ein Mensch Erfolg haben und sich darüber auch freuen soll. Oder ob er sich privilegiert und beschämt fühlen und ablassbereit zeigen muss, weil andere weniger Glück haben.
Sind wir auf dem Weg in eine „paternalistische“ Gesellschaft?
Und wie wäre es eigentlich, wenn er sich, ist er von der ganzen Freiheit einmal wirklich überfordert, ganz wertfrei einfach nur auf das stützen dürfte, was Menschen erfunden haben, um sich Halt zu geben, auf Institutionen und Regeln? Das sind die für mich die Pfeiler der Freiheit, von denen man ungern redet, weil ja Werte so viel edler klingt.
Wer das, was er erarbeitet hat, nicht besitzen kann (sondern der Familie, der Gesellschaft, dem Staat abtreten muss), wird in seinem Eifer erlahmen. Paternalistische Gesellschaften sind von diesem Zuschnitt. Wir befinden uns auf dem Weg dahin. Daran sind die Jüngeren gewiss nicht schuld.
Also auf in den Befreiungskampf, Generation Maybe, das käme auch unsereins entgegen: Sagt dem Paternalismus den Kampf an. Macht was aus eurer Freiheit. Verändert die Welt. Andererseits: warum gleich die Welt? Warum sollte nicht ein anständiges Leben reichen, in dem man seinen Fähigkeiten freie Bahn lässt, niemandem auf der Tasche liegt und keinem auf die Nerven geht?
„Paternalismus: "Herrschaftsform in nicht-familialen Bereichen, in denen die Führung aufgrund väterlicher Autorität beansprucht wird. Entstammt der familialen Ordnung der vorindustriellen Gesellschaft. Übertragen auf moderne Organisationen, widerspricht der Paternalismus demokratischen Strukturen. Der Paternalismus betont besonders die Fürsorgepflicht und sieht eine Beteiligung der Untergebenen an Entscheidungen prinzipiell nicht vor.
Etikettierung hin oder her: Die heutige Jugend muss nicht gegen das System kämpfen, sondern für die eigene Freiheit. Die Eltern müssen die Erziehung ihrer Sprösslinge wieder selbst in die Hand nehmen.
Also weg mit den teuren Kitas und übernehmt gefälligst wieder selbst Verantwortung.
Damit wäre meiner Meinung nach schon viel gewonnen.