Die Kinder leiden heute an der Indoor-Krankheit. Wo werden unsere Kinder in zwanzig oder dreissig Jahren spielen? Auf Hochhausterrassen weil natürliche Lebensräume weder für Mensch noch Tiere mehr vorhanden sein werden.
Kinder möchten Umgebung mitgestalten
Dass Kinder heute viel seltener ohne Aufsicht unterwegs sind als in den 60er-Jahren, erklärt sich so: “In den 60er-Jahren lagen Wohn- und Gewerbegebiete nah beieinander, und der Verkehr war beschränkt.” Seit den 60er Jahren ist die funktionale Trennung in Wohn- und Arbeitsgebiete und der Autoverkehr im Alltag bestimmend. Soziologen sprechen von einerFunktionalisierung und Verinselung der Lebensbereiche. Den Aktionsradius kleinerer Kinder wird vom Verkehr enorm eingeschränkt.
Alltagsräume verbinden
Die Erwachsenen fungieren in der heutigen Lebenswelt als Helikopter-Eltern, die “ihre Kinder von Insel zu Insel begleiten, oft auch mit dem Auto fahren”. Kinder lernten so aber nicht mehr, Gefahren selbst abzuschätzen und die Konsequenzen des eigenen Verhaltens zu erfahren – zum Beispiel beim Klettern auf einen Baum. Anstatt für die Kinder einzelne Inseln vorzusehen, sollten Stadtplaner stärker darauf abzielen, die Alltagsräume der Kinder miteinander zu verbinden. Wohn-, Schul-, Betreuungs- und Freizeiträume sollten in ein möglichst zusammenhängendes Netz an durch Kinder sicheren und eigenständig begehbaren Wegen eingebettet sein. Wichtig ist, dass die Räume zu “Handlungen oder Spielhandlungen anregen, aber nicht vorbestimmen” und sich auch als Treffpunkte eignen.Grosse Städte verfügen heute zwar über eine hohe Vielfalt an Kinderspielplätzen, die oft sogar zusammen mit Kindern entwickelt werden. Generell wird aber bei der Stadtplanung zu wenig berücksichtigt, < Spielgerät.
Wenn heute ein sieben- oder achtjähriges Kind allein einen Kilometer in die Schule läuft finden das Eltern bereits als ein zu grosses Risiko. Viele Eltern finden es heute normal, dass sie ihre Kinder bis in die Mittelstufe auf den Spielplatz begleiten, sie in den Sportunterricht bringen und sie bei Kollegen abholen. Unbeaufsichtigt dürfen Kinder einzig im eingezäunten Garten spielen, und noch viel lieber drinnen, nicht selten vor dem Computer oder Fernseher. Vor 40 Jahren wären die Reaktionen anderer Eltern ausgeblieben.
Der gesellschaftliche Wandel über zwei drei Generationen ist offensichtlich. Doch das kulturell verankerte Überbehüten der heutigen Generation hat Folgen. Forscher sprechen von der IndoorKrankheit und vom Natur-Defizit-Syndrom. Kinder, die darunter leiden, seien psychisch beeinträchtigt, heisst es, sprich gestresster, weniger ausgeglichen.
Geprägt hat diesen Begriff in erster Linie der amerikanische Journalist Richard Louv mit seinem Bestseller “Last Child in the Woods”. Kinder wollten nämlich nur eins, sagt er: an wilden, ungeordneten Plätzen spielen, wo sie sich frei von jedem elterlichen Einfluss bewegen können.
Frei und Unbeaufsichtigt
“Meine Kindheit war paradiesisch”, sagen Kinder aus den 60er. Wir waren immer eine Schar von Kindern, die jüngsten kaum älter als drei. Wir spielten Fussball, Verstecken oder Räuber und Polis. Von Erwachsenen, die uns beaufsichtigten, keine Spur. Diese waren zwar zu Hause beschäftigt. Sie vertraute uns. Selbst dass wir auf die Kleinsten aufpassten.Spielplätze gab es weniger oder keine und doch waren wir alle zufrieden.
Statistiken belegen, dass der Aktionsradius von Kindern innerhalb einer Generation um nahezu 90 Prozent abgenommen hat. Gingen in den 70er-Jahren noch acht von zehn 7-Jährigen allein zur Schule, ist es heute nicht einmal mehr einer von zehn. Zwei von drei 10-Jährigen waren noch nie allein in einem Laden einkaufen oder unbeaufsichtigt im Park spielen. Und gemäss einer Umfrage trauen vier von zehn Eltern ihren Kindern erst mit 14 zu, sich allein in der Stadt oder in einer grossen Gemeinde sich frei zu bewegen.
Durch die Einschränkung des Bewegungsradius kennen die Kinder ihre Umgebung weniger als Gleichaltrige von früher. Sie wissen kaum, was man draussen spielen könnte, erkennen Elstern nicht mehr oder den Unterschied zwischen Wespen und Bienen. Sie kennen weder Pflanzen noch Bäume. Gleichzeitig entgeht ihnen das Übungsfeld, das Leben kennen zu lernen und die Risiken in der Natur einzuschätzen – eine Fähigkeit, die ihnen später als Eltern fehlen wird. Heute müssen mehr Kinder medizinisch behandelt werden, weil sie aus dem Bett fallen und nicht von Bäumen.
Als grösstes Risiko gilt in den Augen der Eltern heute der Verkehr. Dem widersprechen die Zahlen der Unfallstatistik. 25 Kinder verunfallten 2013 im Kanton Zürich, im Jahr zuvor waren es noch 35 gewesen. Dafür mögen strengere Kontrollen und höhere Sicherheitsstandards verantwortlich sein, aber auch die Tatsache, dass Kinder gar nicht mehr auf den Strassen spielen.
Angst haben die Eltern aber auch vor Fremden, die ihren Kindern etwas antun könnten. Das einzige Verbot welches die Kinder früherer Generationen kannten war: Steige nie zu Fremden ins Auto. Das gilt auch heute noch, nur das die Gefahren die im Dunkeln der Strassen lauern – nicht nur in den Städten – stets grösser werden. (Tagi-E.M.)
Quelle: Politspiegel Schweiz
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