Mittwoch, 19. März 2014

Macht Teamarbeit faul und unglücklich?

Im Team werden deutlich geringere Leistungen als bei Einzelarbeit erzielt, zeigen Experimente. Trotzdem ist Teamarbeit die Königsdisziplin der Soft-Skills. Zu Recht?


Jeder kennt die Situation: Man sitzt im Restaurant, möchte gerne bestellen und wird einfach nicht bedient – obwohl diverse Servicekräfte offenbar unbeschäftigt hinter dem Tresen stehen. In diesem Team fühlt sich offensichtlich niemand für den neuen Gast zuständig.

Teamarbeit macht faul und unglücklich, sagt Volker Kitz, freier Buchautor, gegenüber Spiegel online. Experimente hätten gezeigt, dass die Leistung von Probanden nachlasse, sobald man sich in Gesellschaft eines Teams glaube. Die Probanden mussten mit verbundenen Augen Seil ziehen. Einmal, so wurde ihnen gesagt, allein und ein zweites Mal in einer Gruppe. Das Ergebnis war markant: Glaubten die Probanden, im Team zu ziehen, war ihre Leistung viel schwächer. Damit wurde auch die frühere These ausgehebelt, dass schwächere Leistungen bei Teamarbeit vor allem ein Koordinations- und nicht ein Motivationsproblem seien.

Im Team muss man sich weniger anstrengen, könnte man daraus folgern. Glücklich macht dieses als «soziales Faulenzen» bekannte Phänomen aber laut Kitz ebenfalls nicht. In der Teamarbeit fehle die Wertschätzung der individuellen Arbeit. Und Lorbeeren für gute Leistung verteilten sich möglicherweise ungerecht auf alle Teammitglieder. Das zerstöre die Motivation und führe dazu, dass Teammitglieder sich schlechter auf eine Teamarbeit vorbereiten als auf eine individuelle Aufgabe.

Team = Toll, ein anderer machts
Deshalb rät Kitz: Wer sich als Arbeitnehmer selber vor der «sozialen Faulheit» schützen möchte, soll sich eigene Aufgaben innerhalb der Teamarbeit suchen – und darauf bestehen, dass diese auch separat bewertet werden.
Wenn in einem Team alle das Gleiche machen, leidet die Einzelleistung. Diese Einschätzung teilt auch Bruno Staffelbach, Professor für Human Resource Management an der Universität Zürich. Teamarbeit funktioniere dann nach dem Motto «Team: Toll, ein anderer machts!» Das trifft fürs Seilziehen ebenso zu wie zum Beispiel fürs Rudern im Achterboot oder für eine Putz-Brigade im Hausdienst.
Nische für Trittbrettfahrer
Trotz dieser ernüchternden Erkenntnis müsse man die Teamarbeit aber nicht gleich verteufeln. Sie könne durchaus gewinnbringend sein. Wichtig sei, dass sich die Aufgaben und Qualifikationen der Teammitglieder unterscheiden. Staffelbach erklärt: «Vergleichen Sie es mit der Boxenmannschaft bei der Formel 1.» Wenn in einem Team jeder Spezialist und für einen Teilbereich alleine verantwortlich sei, könne die soziale Kontrolle durch das Team sogar leistungsfördernd wirken.
Auch Theo Wehner, Professor für Arbeitspsychologie an der ETH Zürich, möchte die Teamarbeit nicht als leistungshemmend abtun: «Natürlich bietet die Teamarbeit Nischen für Trittbrettfahrer. Es ist aber ein Mythos, dass sich diese Leute in Einzelarbeit markant mehr anstrengen würden.» Er räumt aber ein: Die Teamarbeit bewegt sich in einem Spannungsfeld von einer völlig individualisierten Gesellschaft und einer Arbeitwelt, die vorwiegend auf Kooperation setzt. Hier müssen Arbeitsgeber bei Teamaufträgen die Balance finden.
Unternehmen setzen auf Teamarbeit
Bei den meisten Unternehmen ist man vom Nutzen der Teamarbeit nach wie vor überzeugt. Bei der Post hiess es auf Anfrage: «Wir setzen auf Teamarbeit. Zum Beispiel beim Wissenstransfer zwischen Mitarbeitern ist gute Teamarbeit unabdingbar.» Und auch die Migros kann die Kritik an der Teamarbeit nicht aus eigener Erfahrung bestätigen und ergänzt: «Natürlich muss ein Team gut geführt werden und jeder Mitarbeiter bekommt eigene Aufgaben.»

4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Zu pauschalisiert
Natürlich ist der Ringelmanneffekt ein mehrfach nachgewiesener starker Effekt in der Psychologie. Allerdings ist die hier trivial gemachte Ableitung falsch. Es geht vielmehr darum, wie man soziales Faulenzen vermeiden kann. Und da kommt es eben auf die Struktur und Komplexität der Aufgabe an und wovon letztlich die Leistung bestimmt wird. Davon hängt die Gruppenzusammensetzung ab, z.B. Stichwort leistungshomogen vs. leistungsheterogen, klare Definition der Verantwortlichkeiten und Aufgaben. Dazu gibt es auch gesicherte Erkenntnisse aus der sozialpsychologischen Forschung.

Anonym hat gesagt…

Erfahrungen
In meiner Erfahrung als Team- und Projektleiter sind es aber immer diejenigen, die selbst am wenigsten leisten, welche am lautesten darüber klagen, dass nicht alle im Team vole Leistung bringen. Am meisten leisten die "stilen Schaffer" und als Führungskraft muss man darauf schauen, dass diese besonders belohnt und gefördert werden und nicht die Lautesten.

Anonym hat gesagt…

Teamarbeit - ein heiliges Wort?
Teamarbeit macht nur dann Sinn, wenn alle Beteiligten wirklich engagiert und interessiert sind. Ansonsten ist es eine Leistungsbremse für diejenigen, die wirklich engagiert sind. Gute Ideen werden allenfalls von eher passiven Mitwirkenden verwässert, oder aber es wird einem "Zugpferd" die Verantwortung aufgeladen und man überlässt sich dem Fahrwasser der Gruppe, wie so oft. Dass Teamarbeit per se immer gut und positiv sein soll, behaupten gerne Leute, die wenig Eigeninitiative einzubringen bereit sind. Wenn's aber gut funktioniert, ist ein starkes Team ein Multiplikator.

Heinz Hartmann hat gesagt…

Voraussetzungen
Teamarbeit funktioniert nur wenn die Teilnehmer auch ein gewisses Kommunikationsniveau haben, also zuhören können aber auch sich mitteilen. Ist das nicht der Fall, empfiehlt sich ein Coach, intern z.B. der Chef oder auch extern oder ein Mittarbeiter mit gutem Kommunikationsniveau. Ausserdem sollte das Team nicht zu viele Leute haben. So um die 5 ist ideal und alle sollten willig sein mitzuarbeiten. Dann ist das Team sicher viel erfolgreicher als einzelne Aktionen.